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EIn Jahr im Ausland – Zwei Erfahrungsberichte

Erstellt: Samstag, 08. Juli 2017 Geschrieben von Leila Lauer & Michael Spehr
“Ad astra per aspera” - ein Auslandsjahr im tiefsten Kansas

vom Michael Spehr

“Grenzen (und das nicht nur auf geographischer Ebene gesprochen) überwinden, Freunde finden”: unter diesem Motto fasste ich Anfang 2016 den tatsächlich relativ spontanen Entschluss, ein Schuljahr als Austauschschüler in den USA zu verbringen. Meine Motivation bestand vor allem darin, im Unterricht erworbene Englischkenntnisse stark zu vertiefen und mich in eine selbstständige, unabhängige Person zu entwickeln, die auf eigenen Beinen stehen muss, fernab von Familie und Freunden. Zudem reizte mich der Gedanke, schlichtweg unvorhersehbare Erfahrungen in einem komplett fremden Umfeld zu sammeln, quasi um zu testen, ob ich einer solchen Herausforderung mit gerade einmal fünfzehn Jahren gewachsen sein würde.

Ende Juli traf endlich die langersehnte Nachricht ein: Experiment e.V., meine Austauschorganisation,  hatte in Kansas, dem im Winter eisigen, im Sommer trocken und heißen, landwirtschaftlich-geprägten “Sunflower State” im Mittleren Westen der USA, genauer gesagt in der knapp 1000 Seelen Gemeinde Clyde, eine Gastfamilie gefunden. Diese bestand aus Sherri, meiner Gastmutter, Anfang fünfzig, und teilzeit-arbeitende Krankenschwester, Steve, Vater der 6-köpfigen Familie, auch fünfzig, und Leiter seiner eigenen Zaunfirma. Die beiden ältesten Söhne (beide Mitte Zwanzig) wohnten schon außer Haus, so dass ich noch mit Austen, einem “Junior”, also Elftklässler, sowie Thomas, einem “Freshman”, also Neuntklässler, für die kommenden zehn Monate unter einem Dach leben und zur selben High School gehen, bzw. die circa 600 Meter in Austens Pick-Up (dem Fahrzeug, das fast jede Familie besaß, und nicht scheute, zu benutzen) fahren würde.

Das Schulleben entpuppte sich - trotz der bescheidenen Schülerzahl von nicht einmal 100 -  als unfassbar vielfältig, bedingt durch eine extrem breit gefächerte Auswahl an Fächern, z.B. Psychologie, Wirtschaft, Ernährung, Medientechnik. Doch auch praktische Arbeit genoss hohes Ansehen, da u.a. Kurse in Schweißen und Tischlerei zur Wahl standen. Dazu gesellten sich etliche “extracurricular activities”, also AGs, wie etwa Future Farmers/ Business Leaders of America, Scholars Bowl (eine Art Quiz-Team), Band, Trap Shooting (Tontaubenschießen), und vieles mehr.

Neben den akademischen Geschehnissen, beeindruckte mich außerdem der unangefochtene Stellenwert, den generell sportliche Aktivitäten genießen, zutiefst. An meiner Schule, und ich erfuhr, dass es im ganzen Land der Fall war, waren die zur Auswahl stehenden Sportarten nach Jahreszeiten unterteilt:

Es begann mit Cross Country (10 km Laufen) und Volleyball für Mädchen im Herbst, männliche Schüler spielten, was ich fast schon als Nationalsportart bezeichnen würde, American Football. Jedoch entschied ich mich angesichts der erforderlichen körperlichen Robustheit des Spiels sowie der Tatsache, dass der Tag für die extremst stabil gebauten Jungen um sechs Uhr morgens mit einer zweistündigen Einheit vor Schulbeginn im Kraftraum begann, dafür, mit einem intakten Skelett lieber im Winter am Basketball-Geschehen teilzunehmen. Zu guter Letzt wurde ich ab März dann ebenfalls Teil des Leichtathletik-Kaders, genannt “Track and Field”, wobei ich erfreulicherweise Siebter bei den Landesmeisterschaften über die 110m Hürden wurde, dank täglichem Trainings nach Unterrichtsschluss, wie üblich. Hervorzuheben beim Thema Sport waren über alle Maßen hinaus auch die bedingungslose Unterstützung seitens Eltern oder auch Bekannter aus dem Dorf. Es verging nicht ein Spiel, ohne dass dutzende Fans mit Plakaten und Postern die teilweise dreistündigen Autofahrten in Kauf nahmen, um die Mannschaften lautstark gegen andere “1 A”- Schulen (Schulen bis 120 Kinder) anzufeuern, weshalb ich mich wirklich geehrt fühlte, Bestandteil verschiedener Teams gewesen sein zu dürfen.

Natürlich existierte auch ein Leben außerhalb der Schulwände, denn selbst “in den weiten Ebenen” boten sich durchaus einige, teils originelle, Arten der Freizeitgestaltung: auf dieser Liste erfreuten sich vor allem Jagen und Fischen großer Beliebtheit. Daneben traf man sich häufig in Fast Food-Restaurants, zum Basketball Spielen/ Gucken oder ging “Cruising”, also Spazieren- Fahren in den Feldern - wer kann den Jugendlichen diese Beschäftigung bei einem Spritpreis von knapp $2 pro Gallon, also vier Litern, verdenken?

Weitere persönliche Erlebnis-Highlights umfassten einen Trip nach Oklahoma City, der Metropole im gleichnamigen Staat, die 1995 Opfer eines verheerenden Bombenanschlag wurde, und einen Skiurlaub in Keystone, Colorado. Auf über 4000 Metern lernte ich dann das Skilaufen in einer im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubenden Berg-Kulisse, die seit der Legalisierung von Cannabis vor einigen Jahren nicht nur Hotspot von auf den Adrenalinkick erpichten Junkies ist. Zudem besuchte ich zwei Spiele des Football Teams der Kansas State Universtiy in ihrem über 50000 Mann fassenden Stadion. Es war wirklich erstaunlich zu sehen, welchen Status College-Athleten genossen, auch im TV, obwohl nur knapp fünf Prozent den Sprung in professionelle Ligen schaffen.

Kurz vor Ende meines Austausches, konnte ich schließlich das wohl bekannteste und mit riesiger Spannung erwartete Ereignis eines Amerikanischen Schuljahres live miterleben - Prom -, der legendäre Abschlussball für Elft- und Zwölftklässler sowie deren Dates. Hierbei puzten sich die Teilnehmer bis auf das Äußerste mit geliehenem Anzug und Abendkleid heraus und begaben sich am frühen Abend per Oldtimer oder gemieteter Limousine zur zuvor tagelang dekorierten Turnhalle, wo dann eine einstündige Fotosession begann. Nachdem die einzelnen Paare abgelichtet worden waren, marschierte man anschließend gemeinsam an extra aufgebauten Tribünen vorbei und stärkte sich ausgiebig beim Vier-Gänge-Buffet, bevor dann eine lange Nacht begann und man bis in die Morgenstunde feierte - selbstverständlich unter ständiger Beobachtung der Lehrkräfte.

Zurückblickend kann ich nun feststellen, dass diese knapp zehn Monate im einsamsten Kansas sich wohl als erlebnisreichster und vor allem prägendster Abschnitt in meinem bisherigen Leben herausgestellt haben. Dank der aufgeschlossenen, freundlichen, und auch offenen Einstellung der Jugendlichen an der High School und den Einwohnern des Ortes, wurde ich als fremder Deutscher schnell als guter Freund und akzeptierter Teil der Gemeinschaft angesehen, so dass sich das beschauliche Clyde bald wie ein zweites Zuhause anfühlte. Insbesondere (mit) meiner “Host Family” werde ich dafür ewig verbunden bleiben, dass sie mich fast ein Jahr lang sowohl als ein Bestandteil ihres Alltages, aber auch als ein Mitglied der Familie aufnahmen und mich in den eigenen vier Wänden wohnen ließen. Unabhängig davon, wie “great again” Amerika wird, ich werde an all die Menschen, die ich in so kurzer Zeit so sehr zu schätzen gelernt habe, auch in Zukunft stets mit guten Erinnerungen zurückdenken.

 

Indien – Eine Fremde Welt

von Leila Lauer

Jetzt ist mein Auslandsjahr schon wieder vorbei und dieses möchte ich nun als Chance nutzen, um einfach noch einmal ein wenig auf die schönsten Momente meines Auslandsjahres zurückzublicken.

In Deutschland habe ich oft darüber nachgedacht, wie es wohl werden wird, wie werden meine ersten Tage sein, wie wird meine Familie sein, wie werde ich mich verständigen!? Tausend Fragen und keine Antwort und selbst wenn ich eine Antwort gehabt hätte, dann wäre sie niemals so gewesen, wie ich meine ersten Tage erlebt habe.

Angefangen hat mein Abenteuer am 22.07.2016 mit einem sehr langen Flug. Angekommen in Ahmedabad war ich einfach nur noch verschlafen und müde. Ich wurde von meiner ersten Gastfamilie liebevoll empfangen. Daraufhin folgte noch eine zweistündige Fahrt zu meiner eigentlichen Stadt Vadodara.

Es war ein ganz seltsames Gefühl, als ich zum ersten Mal meine neuen Eltern kennenlernte. Sie sahen super sympathisch aus, dennoch hatte ich nicht sofort ein Gefühl der Geborgenheit, welches ich normalerweise von Zuhause gewöhnt bin. Im Gegenteil, ich war schüchtern. Ich fühlte mich nicht in der Lage, meine Gastmutter und meinen Gastvater zu umarmen, wie ich es mir eigentlich ausgemalt hatte, stattdessen schüttelte ich ihnen einfach die Hand und lächelte, wenn auch nicht überzeugend. Jedoch fing ich schnell an Vertrauen aufzubauen und mit jedem Tag entwickelte sich mehr und mehr eine Bindung zwischen uns und ich würde die beiden mittlerweile auch als meine Familie und meine Eltern ansehen.  Da ich in drei Familien war, musste ich mich immer wieder auf Neues einstellen, jedoch hatte ich bei jeder Familie eine schöne Zeit, bei manchen mehr oder weniger, aber im Endeffekt habe ich in jeder Familie etwas lernen können.

Die ersten Tage waren sehr turbulent, da ich sofort die komplette Familie meiner Gastmutter kennengelernt habe. Es waren so vielen Eindrucke und so viele Menschen, dass ich mir nicht von allen die Namen merken konnte. Dann folgte das Wochenende und ich habe viel Zeit mit meiner Familie verbracht und schon viel über Indien erfahren.

Kurz darauf folgte der erste Tag in der Schule. Ich hatte ein mulmiges Gefühl, da ich niemanden kannte und ich nicht wusste, was mich erwarten würde. Auch wenn jeder mit mir reden wollte, hatte ich einen schweren Start. Nach und nach habe ich dann meinen Freundeskreis aufgebaut, worüber ich sehr glücklich war und was auch sehr wichtig für mich war.

Aber das wirklich Interessante passierte an den Wochenenden und nachmittags, wenn der Alltag zu den schönsten Dingen des Lebens gehört. Wenn die Zeit mir gehörte und ich Unglaubliches mit meiner Familie erleben konnte. Die Familie in Indien hat einen sehr hohen Stellwert und stellt den Mittelpunkt des indischen Lebens da. Die Familienmitglieder haben meistens ein inniges Verhältnis miteinander. Folglich ist deine Gastfamilie für dich der wichtigste Anhaltspunkt während des Austausches in Indien.

Nach ca. 1 Monat folgte die erste Orientierungswochenende mit Rotary. Da habe ich die anderen Austauschschüler aus meinen Distrikt 3060 kennengelernt. Die Rotary-Mitarbeiter haben uns vieles Wissenswertes über die Geschichte des Landes, die Kultur, das Familienleben, das Schulsystem, beliebte Freizeitaktivitäten und vieles mehr erzählt.

Während meines Austauschs, hat Rotary für uns zwei dreiwöchige und eine einwöchige Reise durch Indien organisiert. Dadurch habe ich die schönsten indischen Städte und Sehenswürdigkeiten besuchen können und kennengelernt. Außerdem hatten wir mehrere Orientierungsseminare, in denen wir das, was wir bei den Familien, in der Schule oder in der Freizeit gelernt hatten, präsentieren konnten. Durch die Reisen und Orientierungstage sind wir Austauschkinder zu einer Familie zusammengewachsen.

Die indische Kultur ist sehr vielseitig und offen für alles. Man lernt jeden Tag etwas Neues, ob es was über die Feste ist, den Kleidungsstil, die Traditionen oder an sich über das Land. Trotz alledem gibt es kleine Unterschiede in verschiedenen Teilen. In Südindien ist es üblich auf Bananenblättern zu essen, was in anderen Teilen schon wieder ganz anders aussieht.

Man kann viel Positives über Indien berichten. Leider gibt es auch die unschönen Seiten wie die Armut in Indien, die einen wirklich zweifeln lässt. Immer noch leben über ein Viertel der Inder unter der Armutsgrenze.  Es kann vorkommen, dass direkt neben einem reichen Viertel ein Slum angesiedelt ist, wo die Häuser nur aus zusammengewürfelten Plastikteilen bestehen. Die Leute, die auf der Straße leben, kriegen Kinder mit dem Gedanken eine Person mehr zum Arbeiten zu haben. Die Kinder versuchen auf den Straßen Kleinigkeiten zu verkaufen, um Geld zu verdienen. Die armen Kinder klopfen auch an Autos und fragen nach Geld oder etwas zu Essen. Oftmals wissen die kleinen Kinder nicht, was sie mit dem Geld, welches sie von Passagieren bekommen, machen sollen. Daher geben sie es meistens ihren Eltern, die es einstecken und ihre Kinder nochmal zur selben Person schicken, da es ihnen zu wenig Geld war. Das Traurige ist, das diese Kinder so gut wie keine Chancen auf ein normales Leben haben, da sie nicht zur Schule gehen und keine Bildung bekommen. 

Indien ist ein wunderschönes Land mit tausenden Farben und ich bereue es nicht, meinen Austausch dort verbracht zu haben. Ich habe so viele Eindrücke gewonnen und wundervolle Momente erlebt, die für immer in meinem Herzen bleiben werden. Ich habe unglaublich viele liebe Menschen kennengelernt und Freundschaften fürs Leben geschlossen. Alles in allem kann muss ich sagen, dass man Indien selbst erlebt haben muss.

Wann immer ihr die Chance habt, so etwas zu erleben, schreckt nicht vor ungewohnten Dingen oder Erzählungen anderer zurück, macht es einfach und genießt die „kulturellen Überraschungen“!

Ich würde jedem der die Chance hat empfehlen einen Austausch zu machen und auch Länder auszuprobieren, die nicht typische Austauschländer sind, da diese auch ihren eigenen gewissen Charm haben den man nicht vergleichen kann. 

Ich kam nach Indien, verliebte mich in das Land, seine Menschen und seine Traditionen. Der Austausch half mir die verschiedenen Kulturen besser zu verstehen, eine zweite Familie und neue Freunde zu finden. Ich freue mich wieder in Deutschland zu sein. Die 10 Monate waren doch recht lang trotzdem vermisse ich das was war und freue mich auf ein baldiges Wiedersehen mit meinen Indern.